Geschichte: „... die Herrlichkeit Gottes zu erkennen“
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Die Kartäuser waren Meister im Organisieren von Wissen. Ausstellung und Forschungsprojekt über das Leben der Schweigemönche. 10.06.2007 | 18:08 | JUDITH LECHER (Die Presse)
Einsamkeit, Schweigen, Enthaltsamkeit, Bescheidenheit und vor allem Beten für das Heil der Welt – das sind die Ideale dieses Ordens, einem der strengsten der katholischen Kirche. Dass sich das auch in der Bauweise ihrer Klöster ausdrückt, zeigt bis Ende Oktober die Ausstellung „Silentium – Architektur der Stille“ in der der Kartause Mauerbach. Deren Herzstück sind 35 Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, die den charakteristischen Aufbau der Kartausen zeigen: die einzelnen Zellenhäuschen sind durch einen Kreuzgang mit den Gemeinschaftsräumen (Kirche, Bibliothek, Speisesaal) verbunden. Dicke Mauern trennen die Mönche von der Umwelt, auch innerhalb des Klosters gibt es Grenzen: zwischen den Bereichen der Betmönche und jenen der Laienbrüder; und zwischen dem schmucklosen Mönchstrakt und dem Kaisertrakt, der in jedem Kloster Pflicht war. Auch heute gibt es noch aktive Kartausen: 23 in Europa, in den 1950ern wurden drei in Lateinamerika und zwei im fernen Osten gegründet. „Die Menschen hatten nach dem Zweiten Weltkrieg das Bedürfnis nach Besinnung“, erklärt Meta Niederkorn von der Uni Wien, wissenschaftliche Beraterin der Ausstellung und beteiligt am FWF-Projekt „Die Geschichte des Kartäuserordens“. |
Stiftung für die Vergebung der SündenDieser wurde vom Heiligen Bruno 1084 in La Chartreuse, einer Bergkette in den französischen Alpen nahe Grenoble, gegründet. Von Frankreich aus verbreitete der Orden sich in Europa, in der Blütezeit im 14. Jahrhundert gab es 270 Kartausen. Gefördert wurde die Verbreitung durch Stiftungen von Adeligen. Für sie war es – neben dem Prestige durch den Bau einer pompösen Kirche – eine „Rechnung mit der Ewigkeit“, so Niederkorn. Die Stifter hofften, dass ihnen durch das intensive dreißigtägige Beten der Mönche für Verstorbene so manche Sünde vergeben würde. Prinzipiell sollten sich die Klöster durch die Arbeit der Laienbrüder selbst erhalten können, de facto waren sie von Zuwendungen abhängig. Neben dem Gebet spielt das Studium für die Kartäuser eine wichtige Rolle. Allerdings nicht zum Selbstzweck, sondern um in der Ordnung der Welt (der Gestirne, Pflanzen, Mathematik, Architektur, Medizin, Musik) „die Herrlichkeit Gottes zu erkennen“, so Niederkorn. „Aber wegen des Schweigegelübdes mussten die Kartäuser ihr Wissen besonders gut organisieren, mit Bildern illustrieren, alles erklären. Ich sag immer gerne: Sie waren die ersten Didaktiker.“ In den Kartausen entstanden theologische, historische, natur- und musikwissenschaftliche Lehrbücher mit geradezu enzyklopädischem Charakter. Zwischen denKlöstern gab es einen regen Austausch der Texte, ab dem Mittelalter wurden sie auch von anderen Orden verwendet. Die Kartäuser schrieben nicht nur Wissen nieder, sie gewannen auch neue Erkenntnisse. „Sie konnten sehr konzentriert arbeiten, weil sie ja außer dem Gebet nichts taten.“ Auch in der Organisation waren die Kartäuser „Vorreiter“, so Niederkorn: Sie nutzten besonders früh Bibliothekskataloge, bereicherten sie um Biografien und unterteilten die Bücher zusätzlich nach Wissensgebieten. Der Niedergang des Ordens begann mit der Französischen Revolution. Auch die josephinische Aufklärung im 18. Jahrhundert, als die Frage nach der Nützlichkeit eines rein kontemplativen Ordens immer lauter wurde, war ein schwerer Schlag. Schließlich hatten die Kartäuser sich nicht wie andere Orden geöffnet. Die Folge: Ihre Klöster wurden teilweise bei Kriegen zerstört oder per Dekret aufgelöst. |
Bild: Copyright "Die Presse"
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Im Leben eines Kartäusers ist kein Platz für Freiheit, die Regeln sind streng: Um 22.40 Uhr ist Tagwache – Zeit für das erste von acht täglichen Gebeten. Nach einer zweiten Nachtruhe wechseln sich ab sechs Uhr morgens Gebet und Studium ab. Nur dreimal täglich treffen sich die Mönche in der Kapelle, sonst betet jeder alleine in der kargen Zelle. Miteinander sprechen dürfen sie nur im größten Notfall. Wer dem entbehrungsreichen Leben (Waschen nur mit kaltem Wasser, fleischlose Ernährung, völlige Abschottung) nicht standhält und fliehen will, landet in der Kerkerzelle. Nur der Tagesablauf der Laienbrüder, die die Klostergründe bewirtschaften, ist weniger streng.