Neandertaler-DNA: Die erste Million Basen

VON JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse) 16.11.2006

Gleich zwei Publikationen feiern erste Erfolge in der Sequenzierung unseres nächsten Verwandten.

Das Neandertaler-Genom sei da, werben unisono die Wissenschaftsjournale Science und Nature, sie haben sogar den Publikationstermin koordiniert, es erinnert an die Fanfaren, mit denen das Genom von Homo sapiens zelebriert wurde. Zwei Jahre lang wurde es von konkurrierenden Gruppen - und Journalen: eine Gruppe publizierte in Science, die andere in Nature - immer wieder angekündigt, nie war es komplett, dann einigte man sich und feierte gemeinsam.

Beim Neandertaler-Genom ist es insofern anders, als ein Forscher das Feld beherrscht: Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig. Er hat in den 90er-Jahren die Paläo-Genetik erfunden, das Entschlüsseln von Genen in Fossilien. Das ist eine hohe Kunst, weil DNA nicht ewig hält und weil fossile DNA bei der Analyse oft mit heutiger DNA verunreinigt wird. So wurde schon "Saurier-DNA" sequenziert, die bei näherem Hinschauen der des Menschen denn doch zu ähnlich war.

An den Neandertaler arbeitete Pääbo sich langsam vor. In den Neunzigerjahren analysierte er mitochondriale DNA. Erbinformation sitzt in jeder Zelle an zwei Orten, die übergroße Mehrheit im Kern, ein winziger Teil in den Mitochondrien. Das sind die Kraftwerke der Zelle, jede hat sehr viele davon, die Chance, dass hier noch DNA erhalten ist, ist groß. Dafür ist die Aussagekraft gering: In der zentralen Frage - wie sind die Neandertaler mit uns verwandt, haben sie sich gar mit Homo sapiens gemischt? - fand sich kein Hinweis auf Mischung. Aber das heißt wenig, nur die DNA im Kern kann erschöpfende Auskunft geben.

Darauf, wie man sie analysiert, ohne sie zu kontaminieren, breitet sich Pääbo an weniger wertvollen Fossilien vor, von Höhlenbären etwa. Im Sommer 2006 waren seine Lehrjahre abgeschlossen,

 

bei der Konferenz zum 150. Jubiläum des ersten Neandertalerfunds überraschte er mit der Ankündigung, in zwei Jahren werde er das gesamte Genom sequenziert haben.

Nun, wenige Monate später, kommt der Doppelschlag in Science und Nature (eine Arbeit ist von Pääbo, die andere von einer US-Gruppe, aber er ist Platzhirsch genug, um auch dort unter den Autoren aufzuscheinen). Beide haben vor allem eines gemeinsam: Es steht fast nichts drin. Pääbo hat eine Million Basenpaare sequenziert und erklärt das zu einem "signifikanten Anteil am Genom" (Nature, 444, S. 330). Nun ja, das Genom von Homo sapiens hat 3,2 Milliarden Basenpaare. Die andere Gruppe um Edward Rubin (Department of Energy Joint Genome Institute, Kalifornien) bearbeitete ein noch kleineres Stück, 65.000 Basenpaare.

In der einzigen konkreten Antwort auf eine Frage unterscheiden sich die Arbeiten: Wann lebte der letzte gemeinsame Ahne von H. sapiens und H. neandertaliensis? Bei Pääbo vor 516.000 Jahren, bei Rubin vor 370.000 (Science, 15.11.). Theaterdonner? "Die Bedeutung beider Arbeiten liegt in den eindrucksvollen Fortschritten bei den Gen-Analyse-Methoden", urteilt Christoph Zollikofer, Anthropologe an der Uni Zürich, gegenüber der "Presse": "Was die Inhalte angeht, sieht das Ganze eher aus wie eine Ouvertüre zu einer Oper: Nun kann sich der Vorhang zur Handlung öffnen."

Gespannt ist man, wie in vielen Opern, auf Akte der Liebe und der Gewalt. Der Neandertaler, über Jahrhunderttausende der einzige Mensch in Europa, verschwand ausgerechnet kurz nach der Einwanderung von H. sapiens, vor etwa 30.000 Jahren. Entweder haben unserer Ahnen ihn erschlagen - oder sie haben ihn genetisch eingemeindet, sich mit ihm vermischt. Darauf gibt es seit letzter Woche einen starken Hinweis: Eine Gruppe um Bruce Lahn (University of Chicago) hat in H. sapiens eine Genvariante gefunden, die vor just 35.000 Jahren auf uns gekommen ist (Pnas, 6. 11.) - und noch dazu die Hirnentwicklung beeinflusst. Der erste Kandidat für die Herkunft ist der Neandertaler. Aber das wird wirklich erst Pääbo klären können.

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